Das nächste Wochenende naht, also was tun?
Da in unserer Unterkunft nicht mal das Geschirrspülmittel vor Dieben sicher ist, enschliessen wir uns bald ins benachbarte Alexandra zu fahren, um im dortigen Warehause ein paar Haushaltsartikel einzukaufen. In Cromwell selbst haben wir so etwas ja nicht bzw. noch nicht gefunden.
Eigentlich war für unser Leihfahrzeug eine Tagesmiete von 30$ ohne Kilometertaxe vereinbart worden, den ausserordentlich günstigen Tarif haben wir Rudi Bauer, unserem Gast-Winzer zu verdanken, worüber wir sehr erfreut waren. Er hat sich, mittlerweile als "Local", also Einheimischer mit CR-Motor in Verbindung gesetzt, um ein Special-Offer zu vereinbaren.
An dieser Stelle nochmal: Vielen Dank, Rudi!
Also kreuze ich dort schon Mittwoch vormittag frohen Mutes auf, um Murray oder Ross, die beiden Vertrauten von Rudi zu konsultieren, welches Auto wir denn wie lange mieten wollten. Nach kurzer Wartezeit, erfahre ich von Murray, dass er Rudi gar nicht zu kennen scheint, und ich noch zehn Minuten Geduld aufbringen müsse, da er gerade sehr beschäftigt sei - OK.
Im "Büro" auf der Couch, bei angenehmen 28 Grad wartend, hypnotisiere ich den lethargisch am Boden liegenden Collie-Mischling, um meinen mittlerweile besorgten Verstand zu beruhigen und auf einmal schneidet die Stimme der Sektretärin, Ross' Namen rufend, die schwüle Raumluft in zwei Hälften.
Und da kommt er: Ross, gute 60 Jahre alt - schätze ich - und ungefähr so viele zerzauste Haare auf dem goldbraun-gebrannten Kopf, wie Zuckerpäckchen im Lager des örtlichen Supermarkts gestapelt sein mögen. Als die Frau ihre Konversation mit ihm beendet hatte, mache ich einen Satz auf ihn zu, strecke ihm die Rechte entgegen und frage ihn sofort, ob er sich noch an das letzte Gespräch mit Rudi erinnert, ein Mietfahrzeug mit vier motorisierten Reifen betreffend.
Plötzlich erhellt sich seine verschreckte Miene, lächelt kurz und spricht frei übersetzt: "Ja klar, ich kan mich erinnern, gehen wir zu Murray, der dafür zuständig ist".
Seltsam - nicht?
Plötzlich komme ich mit Murray gleich ins Gespräch, er bietet mir einen Mazda Eidos (sowas wie eine 626 Limousie in Europa) für 35$ Tagesmiete plus 20 Cent pro Kilometer an. Obwohl Quartz Reef eine der bekannteren Weinfirmen in Cromwell ist, scheint er sich immer noch nicht an Rudi zu erinnern
WTF???
Ich reserviere den Wagen mal für Samstag, da Rudi momentan beruflich in Australien ist. Meinem Vertrauen an das Gute im Menschen folgend, war ich mir sicher, dass sich die Sache mit dem Preis bis zum Wochenende in Wohlgefallen für alle Beteiligten verwandeln würde.
Am Freitag überbringt Marion ihrem temporären Chef (Rudi) die News bezüglich des Mietwagens und dieser schlägt vor, den Mazda gleich am Samstag zusammen mit uns bei CR-Motor abzuholen, um die Sache mit dem Preis gleich vor Ort und persönlich regeln zu können.
Gesagt, getan. Samstag 10 Uhr erscheinen wir bei Murray im Büro, vorher besuchen wir Rudis Sohn noch in der Grundschule, wo er bei den örtlichen Cricket-Ausscheidungsspielen teilnimmt. Das ist so eine Art 5-Tage-Casting für die Schulmannschaft. Wer bei dem Wort "Casting" gleich an Dieter Bohlen denkt, der wird enttäuscht sein, dass wir ihn dort nicht angetroffen haben. Er wird sich eher weniger aus Cricket machen, denke ich mal.

Murray ist wohl ein typischer Autoverkäufer. Er kann sich plötzlich an Rudi erinnern, bleibt aber bei den - weniger zuvorkommenden - Preisen von Mittwoch. Er ist ja auch nicht mehr der Jüngste, in seinem Alter sind Alzheimer und Demenz schon Themen, bei denen man zu Recht die Ohren spitzt. Ein Leben lang mindestens acht Stunden pro Tag Lösungsmittel und Verbrennungsgase einzuatmen, dürfte auch nicht gerade die geistige Vitalität unterstützen.
Ich habe den Eindruck, dass seine Körpersprache und Augenbewegungen während des Gesprächs etwas anderes sagen, als seine Worte es tun.
Rudi versucht nochmal herzhaft sein Bestes, um über einen Leasingvertrag an einen besseren Preis zu kommen, doch Murray winkt ab und sagt, er müsse damit auf jeden Fall mit seinem Chef sprechen und könne momentan keine Auskunft über diese Option geben. Der Leasingvertrag war übrigens die Idee von Ross, mit dem Rudi, während wir in Murrays stickigem Büro die Formalitäten erledigt hatten, vor der Werkstatt einen kleinen Plausch hielt, bevor er wieder die Verhandlungen mit Murray aufnahm.
Das war er also, unser Wochenend-Mazda:

Murray verblieb beim Einsteigen in das Fahrzeug als verwelkende Erinnerung kurz in meinem Gedächtnis zurück. Entweder war es das, oder meine langjährige Gwohnheit, mit manueller Schaltung zu fahren, jedenfalls trete ich beim Rollen Richtung Ausfahrt bei der ersten Gelegenheit mit meinem linken Fuss auf das nicht vorhandene Kupplungspedal und erwische natürlich das bei Automatik-getriebenen Autos überbreite Bremspedal - Autsch!
Marion entkommt am Beifahrersitz gerade noch einem schmerzhaften Schleudertrauma, während ich mir bewusst mache, den linken Fuss während der Fahrt stets ausgestreckt zu halten... und natürlich auf der linken Fahrbahnseite zu bleiben!
Und so machen wir uns vorsichtig als vermeintliche Geisterfahrer auf den Weg ins Wochenende...